Tradition und Moderne


In der neuen Friedenskirche wird vieles anders sein als es jetzt ist. Gleichzeitig aber bringt die Renovierung und Neugestaltung der Friedenskirche viele Elemente und Gedanken ihres Erbauers, Oberbaurat Herrmann Behaghel, erneut zur Geltung:
Die zweite Tür im Altarraum, die bei der Renovierung 1960 zugemauert wurde, wird wieder eröffnet. Der Altarraum gewinnt seine ursprüngliche Symmetrie zurück und – ganz praktisch – die Kindergottesdienstkinder können nun sicher in den Chorsaal gehen und müssen sich nicht mehr an der Kellertreppe vorbeidrängeln.

Der ursprüngliche Taufstein, der seit 1960 funktionslos im Turmeingang stand, wird wieder aufgearbeitet und wir uns zukünftig wieder als Taufstein dienen.
Das alte Weinrankenmotiv der Fliesen in den Seitenschiffen, das derzeit unter Putz verdeckt ist, wird wieder freigelegt. Das Motiv selbst und die Farbgebung der Fliesen werden in dem neuen hochwertigen Fußboden wieder aufgenommen.
Das Lichtkonzept sieht vor, dass das große Farbfenster mit dem Motiv des guten Hirten sowohl von außen als auch von innen angestrahlt werden kann. Es kann also sowohl für Abendgottesdienste wie auch für die Passanten an einem kalten Winterabend eine ganz neue Wirkung entfalten.

Vor allem aber wird das Behaghel’sche Konzept eines „Zentralbaus“, in dem sich die Gemeinde um ein Zentrum herum zum Gottesdienst versammelt, ganz neu und konsequenter als bisher verwirklicht.

In unserem Festgottesdienst zum 100jährigen Jubiläum der Friedenskirche am 27. Juni 2010 sagte unser Gastprediger, Pfarrer Treiber, dazu, was uns der Kirchenraum „predigt“:

„Der Architekt Herrman Behaghel hat hier 1910 eine Kirche gestaltet. Er hat Toleranz eingebaut, indem er mehrere Baustileigenarten miteinander ins Gespräch gebracht hat. Ja, er hat eine Kirche gestaltet, die schon durch ihren Grundriss Mut machen und Orientierung geben konnte und kann – bis heute.

Er wählte als Grundform das griechische Kreuz. Kein lateinisches mit einem langen Weg durchs Kirchenschiff, sondern das, was einen Zentralbau schafft und eine Mitte deutlich macht.

Er wollte mit diesem Kirchengebäude sagen: Wir brauchen eine Mitte. Eine Mitte, die keiner und keine von uns besetzten darf. Eine Mitte, die davon spricht, was uns trägt, was uns verheißen ist, wozu wir berufen und beauftragt sind.

Der Tisch des Herrn
Schon in Behaghels Gestaltung konnte sich die Gemeinde im Kreis um den Altar, um die Mitte, versammeln, um zu erleben: Der, der in der Taufe gesagt hat: Es ist gut, dass du lebst, der gibt auch zu essen und zu trinken. Wer uns zu essen gibt und zu trinken, will, dass wir leben.
In der frühen Kirche sah der Altartisch in der Mitte jeden Sonntag in der gemieteten Markthalle so aus wie bei uns am Erntedankfest. Immer wurde am Ende des Gottesdienstes gefragt: Wer in der Gemeinde braucht Hilfe? Wer benötigt Lebensmittel? Wer kann nicht selber kommen und ist bedürftig und wer bringt wem die Lebensmittel für die kommende Woche?
Gottesdienst, Abendmahl – hier wird deutlich: Wir um die Mitte sind füreinander da – und verantwortlich.
Im Abendmahl wird aus dem Ich ein Wir. Denn von Gott reden, heißt vom Ganzen reden.

Die Kanzel
Herrmann Behaghel hatte sie gemäß den damaligen Bestimmungen in der Mitte über dem Altar angebracht. Ganz nah an der Orgel.

Wir Menschen
In dieser Kirche sichtbar versammelt um die Mitte. Wir sind konstitutiv für eine protestantische Kirche. Der wichtigste Schmuck der Kirche ist die vielfarbige Gemeinde.

Versammelt um die Mitte
Ich glaube, wir brauchen diese Versammlung, weil sie uns Unterbrechung und festliche Pause gewährt, Unterbrechung des täglichen Sorgens, die Denkpausen schenkt von und für alle möglichen Anstrengungen. Unterbrechung auch der verzweifelten Streitigkeiten, um von dem zu hören, der ein Ziel mit uns hat. Ein Ziel, das er mit uns zusammen erreichen will.

Dieses Ziel hat viele Namen: Sie heißen unter anderem:
Freiheit, Gerechtigkeit, Schalom.“
(Auszüge aus der Predigt von Pfarrer Treiber in der Friedenskirche am 27. 6. 2010)