Die Grundlagen für die Gestaltung des Kirchenraums


Damals...

Der Architekt der Friedenskirche in Heidelberg-Handschuhsheim, der großherzoglich badische Oberbaurat Karl Hermann Behaghel (1839-1921), hat die Kirche im Jahr 1910 entsprechend dem so genannten „Wiesbadener Programm“ gebaut. Dieses Kirchenbauprogramm, erstmals in der Wiesbadener Ringkirche verwirklicht, war ein dezidiert reformerischer Ansatz. Die Friedenskirche war bei ihrer Gründung eine "moderne" Kirche.

Die vier Grundthesen des Wiesbadener Programms lauten:

  1. Die Kirche soll im allgemeinen das Gepräge eines Versammlungshauses der feiernden Gemeinde, nicht dasjenige eines Gotteshauses im katholischen Sinne an sich tragen.
  2. Der Einheit der Gemeinde und dem Grundsatze des allgemeinen Priesterthums soll durch die Einheitlichkeit des Raums Ausdruck gegeben werden. Eine Theilung des letzteren in mehrere Schiffe sowie eine Scheidung zwischen Schiff und Chor darf nicht stattfinden.
  3. Die Feier des Abendmahls soll sich nicht in einem abgesonderten Raume, sondern inmitten der Gemeinde vollziehen. Der mit einem Umgang zu versehende Altar muss daher, wenigstens symbolisch, eine entsprechende Stellung erhalten. Alle Sehlinien sollen auf denselben hinleiten.
  4. Die Kanzel, als derjenige Ort, an welchem Christus als geistige Speise der Gemeinde dargeboten wird, ist mindestens als dem Altar gleichwerthig zu behandeln. Sie soll ihre Stelle hinter dem letzteren erhalten und mit der im Angesicht der Gemeinde anzuordnenden Orgel- und Sängerbühne organisch verbunden werden.

Diese Grundausrichtung der Friedenskirche ist auch Grundlage für die anstehende Renovierung. Mehr noch: Indem der Altar in die Mitte der Gemeinde kommt, die Kanzel ihren Platz hinter dem Altar findet und somit Altar, Kanzel und Orgel (und auch der Taufstein) in einer Linie zu stehen kommen, wird letztlich das Wiesbadener Programm in größerer Konsequenz als bisher umgesetzt - allerdings in einer modernen Form. Aber das hat ja (siehe oben) auch eine Tradition in der Friedensgemeinde.

Wer die vierte These des Wiesbadener Programms genau liest, hat im Grunde eine genaue Beschreibung des Altar- und Kanzelbereichs in der neuen Friedenskirche. Die geforderte "organische Verbindung" von Altar, Kanzel und Orgel übernimmt die neue, wie ein Weinberg gestaltete Stufenanlage.


... und heute

Auf der Grundlage dieses Verständnisses vom Raum der Friedenskirche haben die Ältesten der Gemeinde im Mai 2007 fünf Thesen formuliert, um das inhaltliche Ziel der geplanten Kirchenrenovierung zu beschreiben. Diese Thesen waren auch die Grundlage für die Architektenausschreibung.

Die fünf Thesen zur geplanten Kirchenrenovierung lauten:

1.

Die Friedenskirche soll auch in Zukunft ein spirituell geprägter Gottesdienstraum sein.

Die Gemeinde verfügt mit Chorsaal, Gemeindehaus an der Friedenskirche und Gemeindesaal in der Tischbeinstraße über ausreichend Raum für Versammlungen und Gruppen. Die Kirche muss also nach der Renovierung nicht als multifunktionaler Raum gestaltet sein. Aber der Raum soll in Zukunft mehr Flexibilität bieten als derzeit. Er soll eigenen Platz bieten für Elemente, die auch im weiteren Sinn zum Gottesdienst gehören, wie etwa Kirchencafé; evtl. Platz für Kunst und Ausstellungen, sowie ein Ort für persönliche Andacht und Stille.


2.

Ein besonderes Profil der Friedensgemeinde sind ihre lebendigen und vielfältigen Gottesdienste.

Auch im Jahre 2030 prägen vielfältige Gottesdienstformen das gemeindliche Leben der Friedensgemeinde. Die Vielfalt der Gottesdienstformen soll vom Kirchenraum nicht nur ermöglicht, sondern aktiv gestützt werden. Es soll möglich sein, große Gottesdienste ebenso zu feiern wie kleine Andachten mit wenigen Teilnehmern. Der Raum soll eine geistliche Konzentration (spirituelle Kraft) ausstrahlen. Er soll stille Meditation ermöglichen, aber auch Platz bieten für kreative Familiengottesdienste. Bewegung, die Arbeit mit Symbolen und der Einsatz von Medien (Bild und Ton) müssen in ansprechender Qualität in ihm möglich sein.


3.

Der Gottesdienstraum soll von seiner Atmosphäre her offen und einladend wirken.

Er soll Wärme ausstrahlen, aber nicht verwechselbar werden mit dem heimischen Wohnzimmer. Die Einheitlichkeit des Raumes soll gewahrt werden, auch wenn im Kirchenraum unterschiedliche Nutzungsbereiche eingerichtet werden. Der Raum soll zur Konzentration führen, überlastete Schnörkeleien sollen vermieden werden. Eine „monochrome Schlichtheit“ nimmt einerseits den Stil der anderen Gemeindehäuser auf und prägt zugleich einen zeitlosen Stil.

 

4.

Das Gemeindeleben insgesamt soll von Kommunikation, von Austausch und Verständigung geprägt sein.

Unsere Gottesdienste leben vom Miteinander der Menschen. Der Kirchenraum soll deshalb mehr als bisher Kommunikation ermöglichen. Dazu gehört vor allem die Verbesserung der Kommunikation (während des Gottesdienstes) zwischen Pfarrer/in und Kantor. Der Raum soll aber auch ermöglichen, dass die Gemeindeglieder untereinander kommunizieren und in Aktion treten. Beweglichkeit und Flexibilität sind dafür notwendig.

 

5.

Profil stiftend für die Friedensgemeinde ist jetzt und auch in Zukunft ihr Engagement im Bereich der Kirchenmusik.

Die Chöre von Erwachsenen  und Kindern, Posaunenchor und einzelne Ensembles sollen angemessenen Raum haben für die Mitwirkung im Gottesdienst ebenso wie für Konzertauftritte. Die Musizierenden sollen besser als bisher wahrgenommen werden können. Notwendig sind neue Podeste für die Chöre. Es muss möglich sein, für Chöre und Orchester den angemessenen Raum zu schaffen.



Eine Auswahlgremium aus Architektur- und Kirchenbau-Fachleuten sowie Vertretern der Gemeinde befand im Oktober 2007, am Ende eines insgesamt zweieinhalbtägigen, öffentlichen Auswahlverfahrens einstimmig, dass der Entwurf der Architekten-AG aus Heidelberg-Wieblingen die in den Thesen beschriebenen Anforderungen in besonders gelungener Weise umsetzt.