Vielfalt der Formen - der Gottesdienst im Wandel

Mit der Neugestaltung des Kirchenraums im Zuge der Renovierung reagiert die Gemeinde auf ein verändertest Verständnis des Gottesdienstes und eine neue Gottesdienstpraxis. Ziel der Neugestaltung ist es, dass der Kirchenraum die Vielfalt der Gottesdienste in der Friedensgemeinde stärkt. Die Renovierung verfolgt ein liturgisches Ziel.

Pfarrerin Monika Hautzinger erläutert, welche Aufgaben sich dabei für eine Gemeinde stellen:

Der Gottesdienst ist das Kernstück und Zentrum einer christlichen Gemeinde. Hier wird deutlich, wovon sie lebt und was sie trägt.

Die Frage nach der Gottesdienstgestaltung stellt sich jedoch in jeder Generation neu.

Wir leben in einer Zeit, in der der allsonntägliche Kirchgang dem punktuellen Gottesdienstbesuch zu bestimmten Anlässen gewichen ist. Der Gottesdienst muss sich behaupten gegenüber unzähligen attraktiven Freizeitangeboten, vor allem aber in einem oftmals kirchenfernen Umfeld.

Für alle Überlegungen, die die Zukunft der Kirche bzw. einer Gemeinde betreffen, ist der Umgang mit dem Gottesdienst zentral. Wir müssen uns fragen, wie Gottesdienste so gestaltet werden können, dass die Menschen sich angesprochen fühlen und einbezogen wissen und deshalb die Gottesdienste nicht versäumen möchten.

Dabei geht es keineswegs darum, traditionelle gegen moderne Gottesdienste auszuspielen. Denn die Liturgie lebt von ihren Traditionen, die (allerdings nur) dort tragen, wo sie lebendig werden.

Eine Gemeinde, die ihrer Verantwortung für den Gottesdienst nachkommt, muss ihre Gottesdienste zum Beispiel daraufhin befragen: Welche  Altersgruppen und welche Lebenssituationen werden angesprochen?  Wer kommt mit seinen Gaben und Begabungen vor? Stimmt die Atmosphäre (Sprache, Raum, Musik)? Fühlt man sich eingeladen und aufgenommen? Ist die Verkündigung verständlich, lebensnah, offen für Neues? Wirken die Gottesdienste in das weitere Gemeindeleben hinein?

Die „Gottesdienstlandschaft“ ist bereits vielfältig: wir feiern große öffentliche Gottesdienste wie zum Beispiel beim Kirchentag, andernorts kommt eine kleine Gruppe zusammen wie in einer Krankenhauskapelle. Wir feiern Gottesdienste an ungewohnten Orten, mit Zielgruppen, zu besonderen konkreten Anlässen, die sich bestimmten Bedürfnissen und Erwartungen verdanken. Und dieses Spektrum wird sich vermutlich noch ausweiten. Denn auch Vielfalt ist charakteristisch für den evangelischen Gottesdienst. Wir sollten diese Vielfalt als Chance nutzen, damit Menschen in der sie ansprechenden Form mit demselben Evangelium erreicht werden. Und warum sollten die verschiedenen Formen sich nicht gegenseitig inspirieren?

Wenn nun sowohl die Gottesdienstpraxis als auch die Lebensumstände und Biografien vielfältiger und vielschichtiger geworden sind, muss das auch in den Räumen, in denen Kirche feiert und lebt, zum Ausdruck kommen. Denn die Erfahrung des Heiligen braucht Zeit, Gestalt und Ort.

In den letzten Jahren ist mehr und mehr in den Blickpunkt gerückt, dass auch der Raum selbst, in dem wir Gottesdienst feiern, „predigt“. Manche Kirchenräume erweisen sich dabei als wandelbar, andere wirken wie ein zu eng gewordenen Anzug, wieder andere haben ein Potential, das es zu entdecken gilt.

Da bei uns Menschen auch die Vorlieben für und Erwartungen an einen Raum variieren, gibt es nicht den Raum an sich, der von einer Mehrheit als der sakrale Raum empfunden wird. Aber eine Gemeinde kann herausfinden, welche Raumgestalt und welches Raumprogramm zu ihr passt.


Literaturhinweis: Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche. Vorgelegt vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. 2009

 Monika Hautzinger, Pfarrerin